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Prosa von Freegammler
EIN NAIVES HÖRSPIEL,
DAS NIE JEMAND HÖREN
WIRD.
PERFECT
DAY
von
Alessandro de Michel
Ein Stück in drei Akten.
Es spielt in deutschen Landen.
Opiat ist das ideale Produkt … die letzte Ware.
Man braucht den Käufer nicht zu beschwatzen.
Der Kunde wird durch eine Kloake kriechen
und darum bitten, kaufen zu dürfen … Der
Opiathändler verkauft sein Produkt nicht an
den Konsumenten, er verkauft den Konsumenten
an sein Produkt. Er verbessert und vereinfacht
seine Ware nicht. Er entwürdigt und vereinfacht
den Kunden. Er bezahlt seine Angestellten in
Opiaten. (…) Rauschgiftsüchtige sind kranke
Menschen, die keine andere Wahl haben, als so
zu
handeln, wie sie es tun. Ein tollwütiger Hund
kann
nicht anders, als beißen.
( William S.
Burroughs )
1. AKT
1. Szene
( Kai, Ali, Barmann, Jonny)
KAI:
Hallo. Wie geht es denn so? (hustet)
Hast du was Feines für mich? Mir geht es echt dreckig. Konnte heute noch nicht
meinen Affen bei Laune halten.
ALI:
Hast du Geld dabei?
KAI:
Nein. Nachmittags bekomme ich
einen Scheck.
ALI:
Na dann bis später. (wendet
sich kopfschüttelnd ab und geht)
KAI:
So ein Wichser. Hat wohl nur
Mehl bei sich. Ach wie ich die hasse, die Nordafrikaner. (Kai begibt sich in
die nächste Bar, einen Katzensprung vom Bahnhof entfernt)
KAI:
Ein großes Bier und hundert
Tropfen Valium, bitte!
BARMANN:
Hey, Junkman, so nicht. Geh
dich mal waschen. Stinkst schon 100 Meter gegen den Wind. Was soll denn meine
Klientel denken? Raus hier! Du Fixerarsch. Raus! Oder soll ich die Bullen rufen?
KAI:
Dann eben ohne Valium. Ein
Bier, bitte!
BARMANN:
Bist du taub oder schon halb
tot?
KAI:
Wohl eher das Zweite.
BARMANN:
Beweg deinen Arsch hier raus
und komm nie wieder durch diese Tür. Du Schwanzlutscher! (Kai bewegt sich,
den Kopf senkend, mit Schmerzen ins grelle Licht hinaus)
KAI:
Ich brauche Stoff. Zuvor Geld.
Mann oh Mann, wo lebe ich denn? (Kai sieht von weitem einen Bekannten)
Hey Jonny! (läuft ihm nach, der Gemeinte dreht sich misstrauisch um) Hey
Jonny! Wie geht es dir? Erkennst du mich noch?
JONNY:
Klar. Koks- Robby ist dein
Cousin.
KAI:
Richtig. Klar doch. Im Mai, die
ganzen Koksorgien. Erinnerst du dich noch?
JONNY:
Klar Mann. Nicht zu vergessen.
Vor allem die Wochen danach. Zur Hölle Mann, habe dem Koks gänzlich abgesagt.
Brauchst was Braunes. Heißer Stoff, 16 % H. 120 Euro das gewogene Gramm. Habe
ein halbes Gramm bei mir.
KAI:
Gibst du mir Kredit, Mann?
Laufe auf heißen Sohlen. Verstehst du? Bin echt schlecht drauf. Könnte glatt
morden für einen Schuss H.
JONNY:
Ich gehe zur Flussbiegung.
Haste Gerät bei dir?
KAI:
Klar. Immer. Brauche aber ein
glattes Viertel.
JONNY:
Kannste haben. Umsonst. Habe
vorige Woche gut verdient. Löffel. Haste einen Löffel mit?
KAI:
Sicher doch. Einen silbernen
Löffel. Von meiner Oma. Die, die mich vor Jahren schon aus ihrem Testament
gestrichen hat. Sagte sie mir- vorige Weihnacht.
JONNY:
Leg mal einen Schritt zu. Bin
schussgeil.
KAI:
Ich brauche mindestens ein
Viertel. Sonst spüre ich keine Besserung. Verstehst du?
JONNY:
Eh klar. Halbe, halbe. Bin dir
ja noch was schuldig.
KAI:
Schuldig?
JONNY:
Ja, Mann- haste du etwa
Alzheimer? Vor zwei Monaten, als ich aus dem Knast heraus kam, hast du mich eine
Woche lang durchgefüttert.
KAI:
Stimmt. Kurz nach Ostern.
JONNY:
Genau. Ende April. War ne harte
Zeit für mich. Verstehst du?
KAI:
Eh klar. Komm! Hier kommen wir
schneller zur Biegung. (Kai und Jonny klettern eine Mauer hinunter und
erreichen den gewünschten Ort) Mann, ich hoffe- ich finde eine Vene.
JONNY:
Armer Kai. Findet keine Vene
mehr. Das bedrückt den armen Kai wirklich sehr. (lacht)
KAI:
An den Fingern könnte es
irgendwo klappen. Zeige mir mal das Zeug. Seit zwölf Jahren stehe ich nun auf
das Opiat. Doch jeder, außer vielleicht der letzte, ist ein Jungfernschuss.
Verstehst du doch, oder? Ist es nicht so? Bevor das Pulver nicht in der Vene
ist, ist es wertlos. (grinst)
JONNY:
(lacht) Stimmt! Das ist
ein wahrer Satz.
KAI:
Im Kopf spielt das Heroin wie
wild. Doch letztendlich schreit jede Zelle nach dem Zeug. Jede. Verstehst du?
Nicht hundert, nicht tausend. Jede genverdammte Zelle hechelt nach dem
Stoff. Aber im Kopf spielt sich
schließlich das Drama ab.
JONNY:
Haste mal ein zuverlässiges
Feuer, oder was?
KAI:
Klar, habe eben erst eines
gekauft. Hier, nimm.
JONNY:
Echt guter Stoff, sag ich dir.
Brauchst du echt ein ganzes Viertel? Könnte dich glatt umhauen. Wir könnten uns
ja zweimal machen. Ganz ohne Stress.
KAI:
In Ordnung. Woher hast du das
H?
JONNY:
Ein Ex- Schulkamerad hat es von
der Türkei eingeschleppt. Musste es aber verschneiden. Sonst gäbe es nur noch
tote Junkies in der Stadt. Wir sind für all die feinen Leute in den Hütten eh
schon tot. Doch, sag ich immer, lieber fast tot mit Opiat in den Venen, als
richtig gesund lebendig, mit einem dicken Bankbuch und rein gar nichts im Kopf.
Hey Kai, gib mir dein Gerät. Ein Achtel, probier mal.
KAI:
Hier. Danke- aber jetzt sind
wir quitt. (beide setzen sich den wohltuenden Schuss)
JONNY:
O großer Gott! Es steigt und …
steigt, … immerzu! He Kai. Was sagst du zu dem Zeug? Gut was? Zuviel
versprochen?
KAI:
Sauber, sauber. Der Affe ist
gebändigt. Eine gute Zeit steht uns bevor. Die Sonne scheint in mir. Den Filter
werde ich mir heute vorm Schlafengehen aufkochen. Wenn du nichts dagegen hast.
JONNY:
Kein Problem. Habe noch genug
Pulver zu Hause. Ich kann auch aufhören mit dem Quatsch.
KAI:
Wieso denn?
JONNY:
Es ist schlichtweg ein
Freizeitvergnügen ohne vorhersehbare Zukunft.
KAI:
Gehst du auf den Strich?
JONNY:
Als ich jung und hübsch war. (lacht)
KAI:
Und wie kommst du an das Geld
für den Stoff?
JONNY:
Ich brauche nur wenig Heroin.
Ich bin nicht körperlich abhängig. Verstehst du? Seit fünfzehn Jahren drücke ich
mir gelegentlich was in die Venen.
KAI:
Arbeitest du noch, warte- beim
Mechaniker- August?
JONNY:
Ja. Aushilfsweise. Ansonsten
trage ich Zeitungen aus. Früh am Morgen. Wenn die Menschenratten noch schlafen.
KAI:
Ist gut für die Kondition.
JONNY:
Und du?
KAI:
Und ich- was?
JONNY:
Bist du immer noch zweiter Koch
beim Zuckerbäcker?
KAI:
Ja. Leider. Aber ich verdiene
gut. Kann mir meine Sucht weit- gehend leisten. Nur heute habe ich keine
verdammten Kröten. Sonst würde ich dir einen Teil abkaufen, für morgen früh. Ich
brauche das Zeug – täglich, immer wieder, jeden gottverlassenen Tag. Ohne dem H,
nein, das ginge nicht. Zur Zeit jedenfalls.
JONNY:
Als Abhängiger bist du fehl am
Platz auf dieser Welt. Du bleibst ein Unfreier. Du lebst nur auf Heroin und dem
vermaledeiten Entzug. Dazwischen gibt es nichts. Stimmt es Kai? Ich habe doch
recht? Das H macht alles kaputt. Du denkst gar nicht mehr, wenn du nicht auf
Heroin bist. Habe ich Recht Kai? Denn – oder? – denn wenn du ohne bist, denkst
du nur an den Scheiß- Stoff. Oder nicht, Kai?
KAI:
Vollkommen richtig. Aber ich
möchte keine Minute meines Lebens clean sein, nur weil es die Gesellschaft da
draußen scheinbar für gut empfindet clean zu sein. Verstehst du mich- Jonny?
JONNY:
Nein.
KAI:
Ich will mir kein Haus bauen.
Ich will kein Scheißbuch schreiben und Jonny, ich will zur Zeit des sauren
Regens kein Bäumchen in die Erde stampfen. Verstehst du mich? Ich will raus aus
alledem, was andere für gut und richtig, für wahr- halten.
JONNY:
Fahr weg von hier. Hier wartet
nur ein Grabstein auf dich. Hier gibt es kein Entkommen. Geh wo anders hin, nach
Goa, Thailand. Irgendwo hin, wo es gutes spottbilliges Zeug gibt. In Indien
lebst du wie ein König mit nur 30 Euro- den ganzen langen Monat. Mann- verstehst
du?
KAI:
Habe ich gehört.
JONNY:
Was hält dich hier? Die
Stadtluft, die Wälder und Seen, die Demokratie, deine Familie? Hau doch ab!
Brich deine Zelte hier ab und tue dir dabei selbst was Gutes.
KAI:
Wie spät ist es?
JONNY:
Haste noch was Wichtiges vor?
KAI:
Erst um 14 Uhr.
JONNY:
Es ist genau, warte – 9.25.
KAI:
Das Zeug ist echt Klasse. Es
steigt und steigt. Ich glaube ich bin dem Himmel ganz nah. Ja, hoch droben gibt
es wahrlich keine Grenzen. (lächelt
)
JONNY:
Jetzt wäre ein Joint einfach
ideal.
KAI:
Ich habe was. Warte. (Kai
zieht seinen rechten Stiefel aus.) Sag ich doch. 0,75 Gramm schwarzer Nepal.
Echt krass das Hasch. Riech mal.
JONNY:
Verdammt ölig. Richtig gut.
Soll ich oder du? Bist du im Stande?
KAI:
Klar doch, immer, zu jeder
Zeit. ( er rollt den Joint, zündet, raucht und gibt ihn weiter)
JONNY:
Wie viel hast du fürs Gramm
bezahlt?
KAI:
50 Gramm- genau 250 Euro.
Deshalb hab ich ja bis Monatsbeginn keine Kröten mehr. Werde den Schwarzen an
Verzweifelte für glatte 13 Euro pro Gramm verhökern. Bist du verzweifelt? (lächelt
verschmitzt)
JONNY:
Ja, aber sicher nicht für 13
Euro das Gramm, Mann! So verzweifelt bin ich nun auch wieder nicht.
KAI:
Nee, für dich doch nicht. Wir
könnten es auch mittelalterlich machen. Ich gebe dir zehn Gramm Shit für – sagen
wir – 0,80 Gramm Pulver. Was hältst du davon?
JONNY:
Warte mal. 0,80 für 10 Gramm.
Damit kann ich fahren. Habe neue Bekannte, die rauchen gerne mal eine Tüte mit.
Hier. (reicht ihm den Joint)
KAI:
Danke. Abgemacht. Geht es dir
heute noch aus? Ich brauche das Zeug.
JONNY:
Verstehe ich gut. Machen wir
den zweiten Schuss bei mir? In meiner Bude habe ich eine geile Anlage.
KAI:
Haste was von Lou Reed?
JONNY:
Sicher!
KAI:
Na dann, nix wie los.
Kai zieht sich
seinen Stiefel an. Beide kratzen sich am ganzen Körper. Mit
langsamen Schritt verlassen sie die
Flussbiegung. Nach zwanzig Minuten
erreichen sie das
Haus.
2. Szene
( Kai, Jonny, Mary )
KAI:
Im wievielten Stock wohnst du
denn?
JONNY:
Ganz oben.
KAI:
Oh je.
JONNY:
Der Aufzug führt direkt in die
Wohnung.
KAI:
Geil!
JONNY:
Hatte schon lange keine Gäste
mehr. Räum bloß nicht auf.
KAI:
Werde mich hüten. Möchte den
Hausfrieden, die Ratten und die Schaben auf keinen Fall stören. (lacht)
JONNY:
Bla, bla, bla. (in der
Wohnung angelangt)
KAI:
Geile Bude. Echt gemütlich.
Asiatisch eingerichtet, finde ich originell. Sonnig ist es hier noch dazu,
sparst dir viel Geld.
JONNY:
Wieso denn?
KAI:
So, weil du Licht sparen
kannst.
JONNY:
Stimmt. Warten wir noch? Oder
soll ich schon mit dem Aufkochen beginnen?
KAI:
Wie spät hast du es denn auf
deiner Clock?
JONNY:
Halb elf Uhr – morgens.
KAI:
Witzbold. Danke.
JONNY:
Na, was dann?
KAI:
Leg du mal ne Platte von Lou
Reed auf.
JONNY:
Kennst du Heroin?
KAI:
Klar doch, auswendig. Velvet
Underground finde ich lässig.
JONNY:
Die hat meine Schwester.
KAI:
Ja, ja. Leider haben die nur
eine Platte, soviel ich weiß, raus gebracht. (lächelt)
JONNY:
Könnte stimmen. Wie wärs mit
Transformer?
KAI:
Perfect day – wie es scheint.
Ich roll ne kleine Zaubertüte. Da steigt auch gleich das Zeug mit hoch.
Stimmt`s?
JONNY:
Haargenau. Ich muss mein Gerät
säubern. Hab es vorhin am Fluss vergessen.
KAI:
Eh besser. Wer weiß, was da für
ein Dreck im Fluss umher fließt. (lacht) Wo ist das Bad?
JONNY:
Hinter dem Schrank rechts rein.
KAI:
Danke, komme gleich wieder. (Kai
kehrt vom Bad zurück) Geile Fliessen hast du. Waren die teuer?
JONNY:
Es geht. Komm, setz dich. Hier
hast du Tabak, Papers und einen perfekten Jointfilter.
KAI:
Danke. Bequemes Sofa, toller
Sound. Na gut, dann roll ich mal dem alten Shiva zu Ehren eine
In-Liebe-Selbstgedrehte. (lacht) Das Türkenzeug ist echt sauber.
JONNY:
Weiß ich. Fürs nächste halbe
Jahr bin ich eingedeckt. Aber, merk dir, verkaufen tue ich kein Milligramm
davon.
KAI:
Aber den Tausch machen wir?
Oder?
JONNY:
Selbstverständlich. Ich rauche
ja viel lieber Hanf, aber die harten Sachen braucht es halt immer wieder.
Sonntags oder so…
KAI:
Dienstag und Donnerstag fährt
es auch gut ein.
JONNY:
Blödmann!
KAI:
(lacht) Haste ja recht.
Hanf ist was für die Ewigkeit.
JONNY:
H ist was für ab und zu.
KAI:
Doch das Ab und Zu funktioniert
nicht bei jedem Erdenwurm.
JONNY:
Stimmt. Dazu braucht es eine
große Portion Selbstdisziplin und die hat nicht jeder parat.
KAI:
Zünde du doch mal an.
JONNY:
Sehr gerne. Aus Asien kommt
alles Gute. Gelassen sieht man die Gegenwart mit Hanf im Blute. (lächelt)
KAI:
Herrje, ein Dichter. Das fehlt
mir gerade noch. (es klingelt an der Tür. Jonny öffnet und kehrt mit seiner
Schwester Mary ins Wohnzimmer zurück.)
JONNY:
Hallo Schönheit. Ich bin Kai,
der dich schon öfters vor der Bibliothek gesehen hat. Studierst du?
MARY:
Ja. Hallo.
JONNY:
Was sagt die Alte?
MARY:
Was soll sie sagen?
JONNY:
Ja was denn?
MARY:
Sie wird dir nicht den
Australientrip finanzieren.
JONNY:
Verdammt. Einmal nur. Ich will
nur für drei Wochen raus. Raus aus diesem verdammten Haus.
MARY:
Kannst eh nix machen. Seit
Vater uns verlassen hat, sitzt sie wie Dagobert auf Vaters Geld. Sie sagt, das
ist ihr von ihm geblieben. Und sie sei ja noch nicht so alt, dass sie es beim
Fenster rauswerfen könnte.
JONNY:
Fuck your mother – forever!
KAI:
Mary, rauchst du Haschisch?
MARY:
Manchmal. Wieso?
KAI:
Haste Lust auf ein paar
erholsame Züge?
MARY:
Wie spät haben wir es denn? 11
Uhr. Klar gerne. Habe erst um 15.30 Seminar.
KAI:
Der Hanf ist echt heftig.
MARY:
Mal schauen. Kann schon was
vertragen. Was haste denn da?
KAI:
Nepal- Haschisch.
MARY:
Schon lange her, dass ich was
Asiatisches in den Kiemen hatte. Aber ihr zwei- ihr zwei seid doch auf H.
Stimmt`s? Verdammt Jonny, warum? Hast du etwa- nein- bitte nicht, hast du das
ganze Geld von Onkel Hermann ins Zeug investiert? Du Dummkopf! Du sagtest erst
vor einer Woche, dass du mal eine längere Pause einlegen möchtest. Und jetzt?
Jetzt bist du wieder drauf. Ich sag dir, du, keiner hat das Zeug im Griff.
JONNY:
Nun mach mal halblang. Ich bin
keine Vierzehn mehr und auch keine Siebzehn. Hörst du mich?
MARY:
Ach, mach was du willst, was du
willst machst du eh.
KAI:
Sprichst du aus Erfahrung?
MARY:
Hatte mal einen Freund der
Näher war.
KAI:
Verstehe. Erfahrung aus zweiter
Hand. Genügt oft die Finger vom Heroin zu lassen.
MARY:
Ich bringe mich doch nicht
stückweise um. Oder?
KAI:
Eh nicht. Doch wie sagte
Shakespeare, wohl zu recht: „Naja der Tod. Wen kriegt der nicht.“
MARY:
Toll! Aber Camus sagte: „Es
gilt aber zu leben.“ Und, hör mal, jeder Schuss könnte der letzte sein. Oder
nicht? Wer weiß schon vorher, was er sich in die Vene knallt. Stimmt`s Jonny?
JONNY:
Haste ja vollkommen recht.
MARY:
Ich weiß ja warum Opiat geil
ist. Aber das danach ist doch verwerflich.
JONNY:
Aber ich habe keinen Affen,
Mary!
MARY:
Das kommt schon noch, früher
oder später. Spätestens dann, wenn dir der hoch erwartete Sonntagsschuss nicht
mehr genügt. Wie viele Gramms hast du denn erworben?
JONNY:
Zehn.
MARY:
Das ist ziemlich viel für einen
Sonntagsfixer. Jonny, was haste dir dabei gedacht?
JONNY:
Bekam es günstig. Verstehst du?
Spar dadurch viel Kohle.
MARY:
Kai, der Hanf ist köstlich.
Könntest du mir eine Scheibe abtreten.
KAI:
Klar doch. Wie viel, Gramm
meine ich?
MARY:
Fünfundzwanzig?
KAI:
13 Euro das Gramm. (hüstelt)
MARY:
Spinnste? Du hast wohl einen
deftigen Schlag auf den Kopf bekommen. Mehr als neun kriegste von mir nie und
nimmer.
KAI:
Na gut, 250 Euro für 25
gewogene Gramms.
MARY:
Das wären dann exactly 10 Euro
aufs Gramm. Einverstanden. Ist es ein Charras?
KAI:
Keine Ahnung. Weiß ich nicht,
tut mir leid.
MARY:
Wie lange drückst du schon?
KAI:
Viele Jahre, zu viele Jahre.
Aber es waren auch schöne Zeiten darunter. Nicht alles was mit Opiaten zu tun
hat ist schlecht.
MARY:
Siehst echt beschissen aus.
Kai, hast du mich verstanden? Du bist nur noch ein Stück Fleisch, dem es an
Blut, Leben, Vitalität fehlt. Ich weiß, das Opiat ist euer aller Lebenselexier.
Doch wofür, frag ich mich. Harte Drogen verzerren die Wirklichkeit, sie führen
einen weg von dieser Welt.
KAI:
Genau. Das will ich ja damit
bezwecken. Alles um mich herum abtöten, nur um ich selbst zu sein und dazu
verhilft mir das Opiat. Wie sagte Novalis so schön: „Der einzig wahre Weg ist
der nach innen.“
MARY:
Ja, es darf aber kein
zerstörerischer Weg sein. Draußen spielt sich das Leben ab und nicht nur im
Kopf. Ansonsten könntest du dich ja glatt einsperren lassen. Oder nicht? Das
Heroin ist deine Mauer. Reiß sie nieder und lass den Kai raus. H bringt dich
nicht weiter, es ist ein Spiel mit dem Feuer. Schau, wir alle werden noch früh
genug den Löffel abgeben- aber, da muss ich mich fragen, warum soll ich da noch
das Meine dazugeben? Carpe diem heißt es und nicht: fix dich zu Tode!
JONNY:
Hast ja wie immer recht,
Schwesterlein.
MARY:
Ach halt doch die Klappe. Ich
bin nicht dein Schwesterlein, sondern deine große Schwester, die sich den Kopf
zerbricht, wie sie dir das Opiat aus dem Kopf schlagen kann. Hoffnungsloser
Fall, ja das bist du, ein looser.
JONNY:
Ein Taugenichts war ich schon
immer.
MARY:
Das ist keine Entschuldigung.
Du hast mir immer gesagt, es sei die Neugierde gewesen, dass du mit dem Pulver
angefangen hast. Aber, so frage ich mich – die Neugierde – nimmt die denn kein
Ende oder was? Seit mehr als 15 Jahren experimentierst du mit dem Zeug herum.
Warum? Wieso? Was bringt es dir? Wo soll denn bitte dein „innerer Weg“
hinführen? Ist es denn ein Highway to Hell? Willst du alt werden, hör damit
bitte auf!
KAI:
„Lebe schnell und stirb jung“ –
hat einmal einer gesagt.
MARY:
Und wo ist nun der olle James
Douglas Morrison? In der Hölle? Oder wo?
KAI:
Upps.
MARY:
Ich muss fort. Jonny – Mutter
erwartet uns um Punkt 20.30 zum Abendbrot. Bitte sei pünktlich und halbwegs
ansprechbar. Okay?
JONNY:
Wird schon schief gehen.
MARY:
Okay ihr beiden, schöne Zeit
noch.
KAI:
Tschüss Mary, man sieht sich!
JONNY:
Ciao bella. Bis heute Abend. (Mary
geht ab)
KAI:
Wie alt ist denn Mary?
JONNY:
`68 geboren.
KAI:
Verstehe. Zu alt für mich.
JONNY:
Wieso? Wann bist du denn
geboren?
KAI:
1976. Im Mai, am 11.Mai.
JONNY:
Da hat ja auch Eric Burden
Geburtstag.
KAI:
Stimmt und es ist zugleich der
Sterbetag Bob Marleys.
JONNY:
Krass!
KAI:
Vor zwei Stunden setzten wir
uns den Schuss an der Flussbiegung und ich bin immer noch in Ordnung. In bester
Ordnung. (lächelt)
JONNY:
Na, dann bau ich mal einen
Joint.
KAI:
Sicher, hier – mein Freund!
JONNY:
Habe selten so einen öligen
Stoff in der Hand gehabt.
KAI:
Mein Pusher ist echt klasse.
Ist fünfundfünfzig und hat noch keinen Tag in seinem Leben gearbeitet.
JONNY:
Wie geht denn das?
KAI:
Keine Ahnung, dealen oder so
was.
JONNY:
Ich habe outdoor – Gras, aber
es ist sehr THC- arm, was man von deinem Hanf nicht sagen kann.
KAI:
Es gibt auch starkes outdoor-
Kraut aus unserer Gegend.
JONNY:
Weiß ich.
KAI:
Aber von Asien kommt der Hanf.
Die da drüben haben wahrlich eine jahrtausend alte Hanfkultur. Da können wir uns
Erstweltler so richtig verstecken.
JONNY:
Und nicht nur beim Hanf!
Kamasuthra – du verstehen? (lacht)
KAI:
Ja genau – und das Kiffvana! (beide
lachen)
JONNY:
(zündet) Bom shankar. Om
nama Shiva.
KAI:
Bum.
JONNY:
Hast du das Hasch bei dir?
KAI:
Deine zehn Gramm habe ich bei
mir. Das Stück von deiner Schwester bring ich nächste Woche vorbei. Okay?
JONNY:
Okay. Alles bestens. Meine
Schwester ist total hanfvernebelt. Ihr Neuer hat immer einen guten Marokko-
Pollen und das genießt Mary in vollen Zügen.
KAI:
Kiffer hassen uns Süchtler.
Viele geben uns die Schuld, dass die Drogengesetze so erbarmungslos sind. Das
stimmt aber nur zum Teil. Es hat wahrhaftig Zeiten gegeben, wo man die Ansicht
vertrat, Cannabis sei schlimmer und somit gefährlicher als Morphium und Kokain.
JONNY:
Echt? Woher weißt du das?
KAI:
Habe ein tolles Buch im Regal
stehen.
JONNY:
Und wie heißt der Autor?
KAI:
Behr.
JONNY:
Wie?
KAI:
B e h r. Aber frag mich nicht
nach dem Vornamen, den hab ich glatt vergessen. (beide rauchen genüsslich)
JONNY:
Willst du den Joint töten?
KAI:
Nee, mach mal selber.
JONNY:
Na gut.
KAI:
Hast du eine zuverlässige
Waage?
JONNY:
Ja.
KAI:
Her damit! (beide wiegen
ihre Genussmittel ab)
JONNY:
Perfekt. Zehn Gramm. Das
Wochenende ist gerettet.
KAI:
0,80 – der morgige Tag ist
gerettet.
JONNY:
Haste Bock auf Led Zeppelin?
KAI:
Hast du die 4. im Haus.
JONNY:
Blöde Frage. Soll doch die
beste sein.
KAI:
Bei Stairway to Heaven setzen
wir uns den zweiten. Oder?
JONNY:
Na dann nichts wie her mit dem
Besteck! (legt die Platte auf und holt das Werkzeug)
KAI:
Das wird heute mein letzter
Schuss sein. Muss früh ins Bett. Morgen fahr ich für einen Tag aufs Land.
Bekannte haben einen Bauernhof gepachtet.
JONNY:
Und was machst du dort?
KAI:
Ich helfe, wo ich helfen kann.
JONNY:
Wie denn? Auf H wohl kaum.
Oder?
KAI:
Mit Heroin im Blut bin ich
normal.
JONNY:
Verstehe. Scheiß Zustand – das
Normale meine ich.
KAI:
Genau. Meine Worte.
JONNY:
Fertig. Filter rein. Gerät
bitte.
KAI:
Ganz dunkel, das Zeug in der
Pumpe. Ist mir vorhin gar nicht aufgefallen.
JONNY:
Sagte bereits – ist
hochprozentiger Stoff.
Nach dem zweiten
Viertel im Körper, liegen die zwei auf dem Sofa und
lauschen der Musik von Led Zeppelin. Nach
Stairway to Heaven
verlässt Kai
Jonny mit ein paar
dankenden Worten.
3. Szene
( Kai, Ricky und Mary )
(Kai steigt in den Linienbus Richtung Heimat)
RICKY:
Na, wen sieht man denn da?
KAI:
O großer Gott, das glaube ich
nicht – Richard III. – wie er leibt und lebt.
RICKY:
Hallo. Altes Haus, wie geht’s
dir denn so?
KAI:
Zur Zeit richtig gut.
RICKY:
Man sieht es an deinen
Pupillen. Klitzeklein. Verdammt! Hätte auch gerne Nadelpupillen.
KAI:
Bist du denn auf Therapie?
RICKY:
Bloß nicht.
KAI:
An was fehlt es dir dann?
RICKY:
Komme eben erst aus dem Bau.
KAI:
Was haste denn verbockt?
RICKY:
Gar nichts. Verstehst du? Eine
verdammte Falschaussage brachte mich für glatte zehn lange, sehr lange, Tage
hinter schwedischen Gardinen. Verdammte Arschwichser. Ich hasse den ganzen
Staat, die ganze Gesellschaft, einfach alles!
KAI:
Brauchst du ein paar Linien?
RICKY:
Wie, was?
KAI:
Ich habe ne Kleinigkeit bei
mir.
RICKY:
Ein paar Linien? Warte. Wie
spät haben wir es denn? Muss um 13 Uhr ins Polizeipräsidium hüpfen.
KAI:
Wieso denn das? Hat eben Zwölf
geschlagen.
RICKY:
Weiß auch nicht so recht.
Zwölf? Kann mich ja auch verspäten, oder nicht? Fährt ja kein Zug los. Die
Scheißbullen! Weltverbesserer wollen sie sein, aber leider sind deren Gehirne
einfach zu klein.
KAI:
Na und?
RICKY:
Bin dabei.
KAI:
Wir gehen zu mir. Was dagegen?
RICKY:
Nee. Kann mich noch gut an
deine Junkhöhle erinnern. Damals, weißt du noch, Sommer `97, als wir zu fünft 15
Bambule- Trips wegputzten- in nicht mal drei Stunden. Echt krass. Jeder drei
Stück. War ne tolle Nacht.
KAI:
Zulange her. Ich verdränge
viel.
RICKY:
Ich verdränge viel. Was soll
das denn heißen? In meinen Augen drückst du nur zu viel. Das Heroin tötet deine
Zellen, Gehirnzellen – Mann! Ich verdränge viel…(schüttelt den Kopf) Hast
du Alzheimer?
KAI:
Das höre ich heute schon zum
zweiten Mal.
RICKY:
Und wahrscheinlich wirst du es
noch oft zu hören kriegen.
KAI:
Wieso denn? Ich lebe den
Augenblick. Das Gestern kann mir jetzt doch egal sein. Oder? Und das Morgen, ja
das Morgen – das gibt es ja eh nicht. Denn das Morgen ist morgen dann einfach
nur das Jetzt. Ich bin ein Junkie und kein Zeitfahrer.
RICKY:
Ja, ja. Wir sind bald da. Oder?
KAI:
Genau. Nach der nächsten
Kreuzung müssen wir raus. Brauchst du Rauchstoff?
RICKY:
Habe noch Gras. Altes Gras.
KAI:
Ich habe einen ollen Schwarzen.
RICKY:
Wau. Schon lange keinen Dunklen
mehr zu Gesicht bekommen.
KAI:
13 Euro das Gramm.
RICKY:
Ist es etwa ein Charas?
KAI:
Wie bitte? Ein Charas? Ja,
klar. Es ist ein frischer nepalischer Charas.
RICKY:
Dem Preis nach muss es wohl ein
Charas sein. Mal sehen. Müsste ihn angucken, riechen, greifen und inhalieren-
verstehst du?
KAI:
Klar doch. Macht man so. Man
kauft die Katze doch nicht im Sack. Oder? Komm, springen wir! (hektisch
verlassen beide den Bus und schlendern dann gelassen die Straße entlang)
RICKY:
In der Nähe der Bibliothek.
Richtig?
KAI:
Exactly. (Kai sieht wie
schon oft Mary vor der Bibliothek stehen)
Hallo Mary Jane!
MARY:
Hallo Kai. So sieht man sich
wieder. Hallo Ricky – du alter Playboy.
KAI:
Ihr kennt euch?
MARY:
Länger als mir lieb ist. Dieser
Typ hat mir in der vierten Klasse das Herz gebrochen.
RICKY:
Ach was. Schon eher umgekehrt.
MARY:
Stimmt sicher Ricky, stimmt
ganz bestimmt sicher, dass du ein normaler Mensch bist! (Ricky lacht und Kai
sucht seinen Hausschlüssel)
KAI:
Mary, hast du eine Pause, oder
nur eine Zigarettenpause?
MARY:
Nein, wie gesagt, bis 15.30 bin
ich frei. Wieso? Wohnst du hier?
KAI:
Ja, gerade mal ums Eck.
MARY:
(flüstert) Hast du den
Stoff im Haus?
KAI:
(lacht) Klar doch. Oder
glaubst du ich vergrab ihn auf dem Friedhof. (lacht euphorisch) Diese
Zeiten hab ich hinter mir gelassen, die paranoiden Zeiten meine ich.
MARY:
Verstehe. Na dann los.
RICKY:
Die drei Musketiere machen sich
auf dem Weg dem Leben ein neues Abenteuer abzuringen. Verdammt! Ich hab gar kein
Besteck.
KAI:
Hab genug neue Geräte zu Hause.
Bleib bloß ruhig. Mann, die Schussgeilheit ist was Brutales. (lacht)
MARY:
Genau. Und genau diese
Schussgeilheit macht meinen Bruder kaputt. Langsam. Lach nicht!
KAI:
Richtig. Sorry.
RICKY:
Ich nehme nur ein paar Linien.
Muss ja clean bleiben. Scheiß Bullen. Kaum habe ich die Freiheit errungen, da
muss ich schon wieder in den Scheiß- Bullenbau.
KAI:
Eh nur ganz kurz. Oder?
RICKY:
Ja. Aber wieso denn bloß?
KAI:
Bin ich Hellseher – oder was?
MARY:
Du Kai, ich habe aber nur 200
Euro bei mir. Die restlichen 50 stecke ich dir übermorgen in den Briefkasten.
KAI:
Kannst ruhig hochkommen. Ich
beiße nicht, ich weiß du bist in festen Händen.
MARY:
Bin ich und der Sack ist
vollkommen eifersuchtbesessen.
KAI:
Kann ich gut verstehen.
MARY:
Was kannst du gut verstehen?
KAI:
Weißt du doch selber.
MARY:
Ach ihr schwanzorientierten
Männer.
RICKY:
Nicht alle sind
schwanzorientiert.
MARY:
Da spricht der richtige.
Playboy der Stadt und will mir weiß machen, dass Richard III. … ach was solls.
KAI:
Nur keinen Streit bitte. Meine
Nachbarn sind nichts als alte unverbesserliche Nazisäcke. Und meine Großtante,
der die Wohnung mal gehörte, war in ihren besten Jahren der Obernazi. (alle
lachen und laufen zügig die Treppen hoch.) Reinmarschiert.
MARY:
Darf ich mal kurz auf die
Toilette?
KAI:
Klar doch. Zweite Tür links.
Aber bitte nicht daneben pinkeln. (lacht)
MARY:
Blödmann!
KAI:
Hier lang Ricky!
RICKY:
Geiler Poster. Syd Barrett war
auch der wahre Pink Floyd. Oder? Sag ich was Falsches?
KAI:
Hat mir Robby geschenkt.
RICKY:
Koks-Robby?
KAI:
Ist der Sohn meiner
Lieblingstante. Wir waren zeitweise wie Brüder. Wir verstehen uns immer noch
gut. Keine Frage. Aber er steht auf Koks und LSD und ich stehe auf Opiat und
gutem Tee. Verstehst du? Ganz anderer Kreis. Und du?
RICKY:
Und ich – was meinst du?
KAI:
Auf was stehst du?
RICKY:
Frauen?
KAI:
Drogen, meine ich!
RICKY:
Einfach alles, nehme was ich
kriegen kann. Bin nicht heikel.
KAI:
Hallo Mary. Ja, ist auch eine
Möglichkeit sich durchs Leben zu boxen.
RICKY:
Genau.
MARY:
Hast du was von der Joan Baez
im Haus?
KAI:
Hatte mal ne aufgenommene
Kassette. Kann sie aber nicht mehr finden. Muss sie wohl verliehen haben. Auf
Platte oder CD habe ich gar nix von der Baez. Tut mir leid.
MARY:
Schade. Hätte jetzt gut
gepasst.
KAI:
Habe Broken english von der
Faithfull hier.
MARY:
Na, dann leg mal auf. – Geiler
Sound. Jonny schenkte sie mir. Damals, als er mit dem Fixen begann. Habe bei
dieser Musik immer gemischte Gefühle. Aber – echt tolle Platte, muss man sagen.
RICKY:
Sie war auch wirklich hübsch.
MARY:
Der olle Playboy hier denkt
wohl immer nur ans Frauenvernaschen.
RICKY:
Richtig. Man lebt ja nur einmal
und nicht zweimal.
MARY:
Gott sei gedankt. Auf deinen
Fall bezogen, meine ich. Wie viele Muschis hattest du denn schon?
RICKY:
Keine Ahnung. Viele?
MARY:
Alles nur Flittchen, oder was?
KAI:
Hier hast du 25 Gramm feinstes
nepalisches Kraut. Viel vergnügen.
MARY:
Danke. (sie gibt ihm die 200
Euro)
KAI:
Hoffentlich keine Blüten…
MARY:
Arschloch. Frisch aus der Bank.
KAI:
War nur ein Scherz.
RICKY:
Es ist 12.25. Kochen wir?
KAI:
Sicher, wir kochen. Stört dich
das Mary?
MARY:
Nee. Macht nur. Ich rolle mal
einen Dicken. Hast du Filterpapier? Griffbereit meine ich.
KAI:
Hier. Geht echt gut.
MARY:
Stimmt.
KAI:
Na dann rein mit dem Pulver.
Ist ein schöner Löffel. Oder Ricky? Echt Silber. Von meiner Oma. Wohl das
einzige was ich von ihr erben werde. (lächelt).
RICKY:
Sieht cool aus. Die Farbe meine
ich.
KAI:
Ja, ganz dunkel das Zeug. Soll
16%ig sein. Direkt aus der Türkei. Echt klasse Ware.
RICKY:
Wie viel hauste denn rein?
KAI:
Nur ein 16tel. Hatte schon
zwei, heute Vormittag.
RICKY:
Verstehe. Passt mir gut. Möchte
nicht total drauf den Arschgesichtern entgegentreten. Scheiß- Bullen, Scheiß-
Staat, Scheiß- Drogengesetze!!
MARY:
Eigentlich sollte man den
Fixern, die ja nichts als kranke Menschen sind – richtig? oder labere ich nur
Unsinn – man sollte ihnen das Heroin auf Rezept verschreiben dürfen. Die
Drogenbeschaffungskriminalität, Prostitution und all der andere Quatsch wären
alle auf einen Schlag beseitigt. Versteht ihr? Jeder Junkie könnte arbeiten
gehen, müsste nicht den ganzen Tag damit verbringen, zu denken wie er an das
ersehnte teure Zeug kommt. Verstehst du Kai? Alles wäre easy. Jedes Individuum
soll selbst entscheiden dürfen, was es sich in die Birne knallt. Oder?
KAI:
Wie recht du hast. Wirklich.
Mary, du hast es begriffen. Nicht der Stoff macht uns kaputt, sondern die
strenge Prohibition mit all dem anderen. Versteht ihr? Das ist Bullshit. Keine
Besserung ist in Sicht, glaubt es mir. Es wird alles nur noch schlimmer. Bald
werden wir einen Drogentest machen müssen, sobald wir unser Haus verlassen.
Scheiße Mann. Hier. Pack aus. Es ist eine zweier. Passt dir das?
RICKY:
Wird schon klappen. Hier. Füll
mal, aber höchstens vier Linien. Verstehst du? Muss halbwegs clean bleiben. Ich
habe keinen Affen, ich spüre es zu 100 Prozent.
KAI:
Alles klar. Ich spar mir ein
paar Linien für später auf. Echt guter Stoff, glaube mir. (Kai und Ricky
setzen sich den Schuss, Mary begibt sich in die Küche und setzt einen Kaffee auf)
MARY:
Na fertig mit dem Nähen?
KAI:
Ging wieder mal nicht ohne
Probleme. Aber das Heroin ist drin. Und das ist gut so. Aber mir ging es zuvor
nicht schlecht, deshalb …
MARY:
Mir kommt immer alles hoch, das
Blut, verstehst du. Kann gar nicht hingucken. Habe aber nichts gegen das Fixen,
so lange es andere machen … nur nicht mein Bruder! Verdammt! Dieser
Standgaswichser. Was denkt er sich nur dabei? Er ist doch nicht abhängig!
Physisch zumindest. Psychisch auf alle Fälle. Sein Lieblingsthema – Opiate. Da
versteht man doch die Welt nicht mehr.
KAI:
Ich schon.
RICKY:
Ja du sicher. Der Kaffee!
MARY:
Richtig. Wie trinkt ihr ihn?
KAI:
Mit Milch ohne Zucker.
RICKY:
Meistens im Bett liegend …
MARY:
Dummkopf!
RICKY:
Schwarz, ohne gar nix.
MARY:
Soll mir recht sein.
RICKY:
Verdammt stark, mein Kopf
gleicht einem Propeller. Es steigt, immerzu. Geil.
KAI:
Sag ich doch. Gutes Zeug muss
man genießen. Mit H ist einfach jeder Tag – ein Perfect Day. Stimmts? Oder habe
ich Recht?
RICKY:
Es stimmt und du hast verdammt
recht! Mann, wie spät ist es denn? Auf Stoff habe ich total kein Zeitgefühl.
KAI:
Exactly … 12.50.
RICKY:
Herrje. Ich muss springen. Man
sieht sich und vielen Dank für den Druck. Das Gerät nehme ich mit. Willst du was
dafür? - … okay. Nimm mir bitte diese Platte von der Faithfull auf Kassette auf.
Für mein Auto. Meine Fixerstube. (lacht hämisch) Mary! Machs gut!
MARY:
Und der Kaffee?
RICKY:
Trink auf der Wache einen. (lacht)
Tut mir Leid, muss mich verdrücken. Sonst … Tschü …
KAI:
Kennst eh den Weg. Ciao.
4.Szene
( Kai, Mary und Mutter von Kai )
MARY:
Hier. Dein Kaffee, mit Milch
ohne Zucker. Richtig?
KAI:
Perfekt. Hast du schon mal
gestochen?
MARY:
Suchst du einen Kunden? Nein.
Geraucht und gesnifft habe ich das Zeug vor vielen Jahren einmal. Auf einer
Helloween – Party.
KAI:
Ideal. Besser geht es nicht.
Lebende Zombies, wohin du auch guckst.
MARY:
Genau! War für mich nur Horror.
Übergeben, kotzen, übergeben – immerfort.
KAI:
Hast du viel gegessen … zuvor?
MARY:
Klar Mann. Nur süßes Zeug.
KAI:
Das ist heavy.
MARY:
Ich hatte gar nichts vom Flash.
KAI:
Verstehe. Kommt vor.
MARY:
Zu einem Schluck Kaffee gehört
nun mal ein Joint. Richtig? … ich baue mal einen …
KAI:
Mach das. Ich gehe mich
umziehen. Muss um 14 Uhr bei so einem ollen Junk- Seelen- Doktor sein. Einmal
die Woche. Das ist hart. Mehr als hart.
MARY:
Wieso musst du denn hin?
KAI:
Alter Bewährungsauflagequatsch.
Verstehst du?
MARY:
Alles klar. Ist lästig und
führt letztendlich doch zu nix. (Kai zieht sich im Schlafzimmer um)
KAI:
Ja … außer der Doktor, der
kriegt mit seinem ollen Gerede seine Familie durch.
MARY:
Wie ich diese Weltverdreher
doch hasse. Abgrundtief. Denn wie schon vor Jahrhunderten einer zu sagen wusste:
„Nichts, was so ist, ist so.“ Oder?
KAI:
Das stimmt. Das Opiat ist nicht
nur Opiat. Es ist verdammt noch mal mehr als nur Opiat.
MARY:
Was meinst du denn?
KAI:
Opiat ist eine Lebensweise.
MARY:
Eine Lebensweise?
KAI:
Ja, genau. Ein Junkie ist nur
in seiner Welt glücklich. Nur dort. Verstehst du?
MARY:
Kaputte Welt. Oder?
KAI:
Vollkommen richtig.
MARY:
Hast du schon eine Therapie
hinter dir?
KAI:
Meine Therapie wurde noch nicht
erfunden. Vielleicht mit einer Hanf- Kur könnte ich Schluss mit dem Zeug machen.
Oder auch nicht. Wer weiß?
MARY:
Soll angeblich funktionieren.
KAI:
Habe davon gehört.
MARY:
Könntest du denn mit alledem
hier aufhören?
KAI:
Klar kann ich und werde ich,
nach meinem Ableben.
MARY:
Flachkopf!
KAI:
Ich kann und will nicht.
MARY:
„Ich kann nicht“, kann ich ja
verstehen. Das ist die Sucht. Aber das „ich will nicht“, damit komme ich nicht
klar. Auch bei meinem Bruderherz fehlt mir da der Durchblick.
KAI:
Nur ein Süchtiger kann einen
Süchtigen verstehen. Verstehst du? Und helfen kann einem halt kein weiß- Gott-
was- Doktor, der nie Opiat für eine längere Zeit zu sich genommen hat. Eh klar …
oder?
MARY:
Vollkommen deiner Meinung.
KAI:
Traurig, aber wahr.
MARY:
Ein Nichtkiffer versteht die
Kiffer ja auch nicht. Oder? Ist mir oft passiert, dass ich mit meiner
Einstellung auf Scheuklappenmentalität gestoßen bin.
KAI:
Vorurteile sind schlimm.
MARY:
Ja. Aber die verdammte
Unwissenheit der Leute … das ist wahrlich beängstigend.
KAI:
Und die schlimmsten von denen
sitzen ganz oben.
MARY:
Weiß ich. Die Gesetzespfuscher
sind echt krass. Scheffeln nur Kohle und leisten rein gar nichts. (Es
klingelt die Hausglocke. Kai zieht die Ärmel runter, kratzt sich und seufzt.
Anschließend bewegt er sich zur Tür und öffnet.)
KAI:
Hallo Ma.
MUTTER:
Na, mein Kleiner. Alles in
Ordnung?
KAI:
Du bist glatt zu früh.
MUTTER:
Fünf Minuten vor der Zeit ist
deutsche Pünktlichkeit. Schreib dir das hinter die Ohren. Mein Junge – was ist
los? Hast du Besuch?
KAI:
Ja. Eine alte Bekannte. Du
kennst sie aber nicht. Komm rein.
MUTTER:
Alle Mädchen kennen – nein –
das kann ich beim besten Willen nicht. Hallo, wie geht’s?
MARY:
Hallo. Angenehm. Bin die Mary.
MUTTER:
Angenehm.
KAI:
Wie viel Zeit habe ich noch?
MUTTER:
Circa zwanzig Minuten. Dann
müssen wir fahren.
MARY:
Müssen Sie auch dort hin.
MUTTER:
Müssen. Nicht wirklich. Aber
ich will meinem Kai helfen wo es geht.
MARY:
Verstehe. Find ich echt toll
von Ihnen.
MUTTER:
Kannst ruhig du zu mir sagen.
Bin keine feine Dame. (lacht)
MARY:
Okay und dein Name?
MUTTER:
Rosi. Die schnelle Rosi. Machte
früher, in meiner Jugend, Leichtathletik. Lange her.
MARY:
Aber du hast noch eine tolle
Figur.
MUTTER:
Danke. Ach Kai, Charlotte
bräuchte dringend einen Zwanziger. Hast du wohl? Oder etwa nicht?
KAI:
Klar Ma, ich brauche aber
sofort das Geld.
MUTTER:
Kein Problem. Hier hast du
einen Zwanziger.
KAI:
Und da hast du 1,5 Gramm
nepalischen Hasch. Haut echt rein.
MARY:
Da kann ich nur zustimmen.
MUTTER:
Glaube ich euch. Man sieht es.
Ach Junge – wieder gedrückt. Fleißig wie immer. Er kann es nicht lassen. Mary –
er will es nicht lassen. Einfach unverbesserlich. Du wirst noch enden wie Andi –
Gott hab ihn selig.
MARY:
Wer ist Andi?
MUTTER:
Andi war mein ältester Sohn. Er
war der zweite Drogentote auf dem Bahnhofsklo. Schrecklich. Er war so begabt und
intelligent. Stimmt es nicht Kai? War es nicht so?
KAI:
Ja Mutter. Wie oft noch Ma? Wie
oft willst du mir die Vergangenheit an den Kopf hauen? Ich liebte meinen Bruder.
Andi war mein Vorbild. Ich denke jeden Tag an ihn. Er lebt in meinen Gedanken
fort. Meine Gedanken werden immer erfüllt sein mit seiner Wärme, Güte, die er
auszustrahlen wusste. Verstehst du Ma? Als er starb, starb auch ein Stück von
mir. Wie viel Zeit hätten wir noch verbringen, was hätten wir alles noch
gemeinsam erleben können. Ich weine nur seinetwegen … Ma, du weißt, dass er mein
alles war. Ich war nur sein Schatten und das war ich äußerst gerne. Verdammt!
Mutter … warum?
MUTTER:
Warum was?
KAI:
Ach, du wirst mich nie
verstehen.
MUTTER:
Ich habe einfach nur Angst
meinen kleinen Jungen auch ans Opiat zu verlieren. Schau, du weißt ich habe in
den Sechzigern, Anfang Siebzigern viel probiert. Doch der Weg zur Sucht, Kai,
das ist was ganz anderes. Das ist was personales. Nicht das Opiat oder das
Gesetz, wie du sagst, sind Schuld an deiner Sucht! Schuld ist aber auch ein
blödes Wort. Nimmst du Pulver – Mary?
MARY:
Nein. Um kein Geld der Welt.
MUTTER:
Gute Einstellung. Aber deine
roten Augen sagen mir (lacht) – bauen wir noch einen Kurzen, bevor wir in
die Klinik düsen?
KAI:
Klar Ma. Mach du für Mary einen
Filter.
MUTTER:
Gerne. (Mary rollt)
MARY:
Wie lange kiffst du schon?
MUTTER:
Seit Sommer `68. Gelegentlich.
MARY:
Krass. Ich bin Juli `68
geboren. Geil.
MUTTER:
Das ist lustig. (lacht)
MARY:
Willst du anzünden? (lacht)
MUTTER:
Klar doch. Thank you.
Bom Shankar!
MARY:
Boom.
KAI:
Om ama Shiva.
MUTTER:
Guter Geschmack. Gutes
Haschisch. Wie teuer hast du ihn bekommen?
KAI:
Teuer …
MUTTER:
Verstehe. Leg mir mal einen
Zehner auf die Seite. Ich komme es Samstag am Abend abholen. Arbeitest du
morgen?
KAI:
Nein! Habe Ferien. Schon
vergessen?
MUTTER:
Nein, nein. Die hast du dir
auch redlich verdient. Stimmt`s?
KAI:
Stimmt … genau wie du sagst:
redlich!
MUTTER:
Verdammt stark, das Kraut …
KAI:
Zeit weiter zu geben, oder hast
du den Joint adoptiert? Ein Kreis beginnt zu leben. Verstehst du Ma?
MUTTER:
Entschuldigung, schau Mary –
musst ihn ein wenig korrigieren.
MARY:
Mach ich.
KAI:
Wie geht es Robby und meiner
Lieblingstante?
MUTTER:
Gut. So weit ich weiß. Robby
will in Therapie gehen …
KAI:
Wie bitte? Glaube ich nicht.
Der ist ja auf einen ollen Trip. Robby ohne Koks … ist wie Sonne ohne Schein.
Wahnsinn. Wann soll es losgehen?
MUTTER:
Erst im August ist ein
Plätzchen frei.
KAI:
Na gut. Jeder lebt sein Leben.
Eine Therapie, nee, wäre nix für mich.
MUTTER:
Hast du oft genug gesagt – Kai,
wach doch bitte auf. Ich sag doch nicht du sollst dem Opiat völlig absagen. Aber
warum jeden Tag, x-mal. Kann und will ich nicht verstehen. Verstehst du denn die
Junkmänner – Mary?
MARY:
Leider nicht. Habe ein
Problemfall in meiner Familie.
MUTTER:
Das ist schlimm. Wer denn?
MARY:
Jonny, mein kleiner Bruder.
MUTTER:
Hat er das Zeug im Griff ? …
blöde Frage.
MARY:
Irgendwie doch … er ist seit
fünfzehn Jahren ein Wochenendfixer.
MUTTER:
Lange Zeit. Hut ab. Du hast
einen charakterstarken Bruder. Viele fangen so an, aber dann, weißt eh, - der
Affe, die Schussgeilheit und und und.
MARY:
Es ist wie russisches Roulett.
Das Ende ist vorhersehbar. Glück haben immer die anderen. Mir geht’s so wie dir
Rosi. Ich habe einfach nur Angst, Angst meinen kleinen Jonny zu verlieren. Für
nichts. Einfach so. Ich fühle mich so hilflos schwach. Das Opiat erscheint mir
wie ein schrecklich grässliches Ungeheuer, in das mein Bruder verliebt, sehr
verliebt ist.
MUTTER:
Du sprichst mir aus der Seele.
Ist noch ein Zug? Kai, du rauchst wie ein Türke. Der Stümmel ist ganz heiß –
verdammt!
KAI:
Sorry.
MUTTER:
Nun gut, der Joint ist getötet.
Wir müssen los. Soll ich dich, Mary, ein Stückchen mitnehmen?
MARY:
Nein, nicht nötig. Habe noch
eine gute Stunde Zeit, bevor ich den dummen Seminarstuhl wärme. (lacht
beschämt)
MUTTER:
Macht dir das Studium Spaß?
MARY:
Manchmal ja, manchmal nein.
MUTTER:
Verstehe. Ging mir auch so.
MARY:
Was hast du denn studiert?
MUTTER:
Sport und asiatische
Philosophie als Zweitfach.
MARY:
Lässt sich gut kombinieren.
MUTTER:
Ja. Hat mir viel gebracht, das
Studium meine ich.
MARY:
Das kann ich mir gut
vorstellen.
KAI:
Ich bin fertig. Starten wir?
Hast du den Rauchstoff eingesteckt?
MUTTER:
Klar Mann, was denkst du denn …
ich zahl dir doch nicht deine stinkige Luft, Mann! (lacht spöttisch)
KAI:
(den Kopf schüttelnd) Oh
Mann oh Mann. Was hat mich nur geboren?
Alle drei verlassen gut gelaunt die Wohnung.
Auf der Straße gibt’s noch eine
herzliche Umarmung. Sie trennen sich.
Die Sonne steht hoch oben.
...weitere infos zum buch sind
bald im forum nachzulesen ...
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